Es ist 2:07 Uhr nachts. Das Telefon klingelt. Wenige Minuten später steht eine Polizeistreife vor dem Burgenhof. Im Auto sitzt ein Jugendlicher, 15 Jahre alt. Zuhause eskalierte die Situation. Gewalt, Überforderung, Angst – an Bleiben war nicht zu denken. Für diese Nacht braucht es einen sicheren Ort.
Solche Situationen sind keine Ausnahme. Sie entstehen, wenn Familien an ihre Grenzen geraten, wenn Kinder oder Jugendliche sich selbst oder andere gefährden oder wenn niemand mehr weiß, wie es weitergehen soll. Genau dann greift eine Maßnahme der Jugendhilfe, die nach außen oft abstrakt klingt – für die Betroffenen aber existenziell ist: die Inobhutnahme.
Was bedeutet Inobhutnahme?
Eine Inobhutnahme ist eine akute Schutzmaßnahme der Jugendhilfe, wenn Kinder oder Jugendliche vorübergehend nicht in ihrer Herkunftsfamilie bleiben können. Sie dient dazu, gefährliche oder hochbelastete Situationen zu unterbrechen und Zeit zu gewinnen – für die jungen Menschen ebenso wie für ihre Familien.
„Viele kommen völlig aufgewühlt bei uns an“, sagt Lisa Sobinger, pädagogische Fachkraft im Inobhutnahme-Team des Burgenhofs. „Manche haben Streit, Gewalt oder massive Vernachlässigung erlebt. Andere stehen nach einem Polizeieinsatz buchstäblich vor dem Nichts.“
Ziel ist zunächst immer dasselbe: Schutz, Stabilisierung und Entlastung. In dieser Zeit klärt das Jugendamt gemeinsam mit allen Beteiligten, wie es weitergehen kann – etwa durch eine Rückkehr in die Familie mit Unterstützung, weitere Hilfen zur Erziehung oder, wenn nötig, eine längerfristige Perspektive außerhalb des Elternhauses.
Erfahrung aus der Praxis
Der Burgenhof verfügt über langjährige Erfahrung mit Inobhutnahmen. Lange Zeit waren diese Plätze in die regulären Wohngruppen integriert. Doch die Anforderungen haben sich verändert: Immer häufiger kommen junge Menschen in akuten Krisen, oft kurzfristig und unter großem emotionalem Druck.
„Diese Dynamik bringt viel Unruhe mit sich“, erklärt Jessica Rohrberg, ebenfalls Teil des Inobhutnahme-Teams. „Für die neu Ankommenden – aber auch für die Kinder und Jugendlichen, die dauerhaft in den Wohngruppen leben.“
Eine eigene Inobhutnahmegruppe
Als Reaktion darauf wurde am Burgenhof eine eigene Inobhutnahme-Gruppe eingerichtet – mit vier Plätzen für Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 17 Jahren. Ein kleiner, geschützter Rahmen, der speziell auf Krisensituationen ausgelegt ist.
Das Team besteht aus vier pädagogischen Fachkräften: Johanna Knierim, Lisa Sobinger, Jessica Rohrberg und Friedemann Riks. Sie begleiten die jungen Menschen in dieser sensiblen Phase eng und verlässlich.
„Hier können wir ganz gezielt auf die besondere Situation eingehen“, sagt Friedemann Riks. „Die Jugendlichen wissen: Das ist erst einmal ein sicherer Ort – kein endgültiger Abschied vom Elternhaus, aber auch kein Dauerzustand.“
Gleichzeitig profitieren die regulären Wohngruppen: Sie erleben wieder mehr Ruhe und Kontinuität und können stärker als das wahrgenommen werden, was sie sein sollen – ein Zuhause auf Zeit.
Zwischen Nähe und professioneller Distanz
Pädagogisch ist die Arbeit in der Inobhutnahme besonders anspruchsvoll. Mitarbeitende werden in kurzer Zeit zu wichtigen Bezugspersonen – obwohl allen klar ist, dass die jungen Menschen die Gruppe wieder verlassen werden.
„Wir bieten Beziehung an, geben Halt und Orientierung“, beschreibt Johanna Knierim. „Und gleichzeitig wissen wir: Unsere Aufgabe ist es auch, Übergänge gut vorzubereiten und nicht festzuhalten.“
Diese Übergänge können unterschiedlich aussehen. Manche Kinder und Jugendlichen wechseln in andere Hilfen oder Wohngruppen. Wenn ein Wechsel innerhalb des Burgenhofs möglich ist, erleichtert das vieles: vertraute Strukturen, bekannte Gesichter, weniger Beziehungsabbrüche.
Hilfe, wenn es wirklich brennt
In der Vergangenheit kam es immer wieder vor, dass Polizei oder Jugendamt junge Menschen nachts kurzfristig zum Burgenhof brachten. Seit 2024 gibt es dafür eine neue, gemeinsame Lösung: eine 24/7‑Bereitschaft von Jugendamt und Burgenhof.
Einsätze werden gemeinsam gefahren, Situationen vor Ort im Vier‑Augen‑Prinzip eingeschätzt und Entscheidungen fachlich abgesichert getroffen. Ergänzt wird dieses Konzept durch ein Notbett innerhalb der Inobhutnahme-Gruppe.
„Das Notbett ist kein Dauerplatz“, erklärt Lisa Sobinger. „Aber es ist ein Signal: Niemand soll in einer akuten Krisennacht allein bleiben müssen.“
Schutz, wenn es darauf ankommt
Nicht jede Situation führt automatisch zu einer Aufnahme. Auch in der Inobhutnahme-Gruppe wird fachlich geprüft, ob die Betreuung leistbar ist und die Sicherheit aller gewährleistet werden kann. Doch wenn es passt, ist der Burgenhof ein Ort, an dem junge Menschen zur Ruhe kommen können.
„Inobhutnahme ist oft der erste Schritt raus aus einer akuten Krise“, fasst Jessica Rohrberg zusammen. „Und manchmal auch der Anfang von etwas Neuem – stabiler, sicherer und mit Perspektive.“
Sind da, wenn es wirklich zählt: Das Team der Inobhutnahme mit (v.li.) Johanna Knierim, Jessica Rohrberg, Lisa Sobinger, Friedemann Riks und Teamleitung Anna-Lena Schäfer. Fotos: Winter
Eine Seltenheit - ein aktuell unbewohntes Zimmer der Inobhutnahme. Alle Zimmer verfügen über ein eigenes Badezimmer.